Kleemann aus Göppingen bringt vollelektrische Brechanlagen und Siebanlagen auf den Markt. Die Maschinen laufen komplett ohne Dieselmotor und sollen vor allem in Städten, auf geschlossenen Baustellen und in Recyclinghöfen zum Einsatz kommen. Die Technik ist keine Studie mehr, sondern Serienprodukt. Was ändert sich für Betreiber, was kostet der Umstieg, und wo liegen die Grenzen?

Vollelektrisch statt Hybridlösung

Kleemann setzt bei den neuen Modellen konsequent auf batterieelektrischen Betrieb. Anders als bei Hybridsystemen entfällt der Dieselmotor komplett. Die Maschinen beziehen Strom entweder über Kabelanschluss oder aus integrierten Batterien. Der Hersteller, der zur Wirtgen Group gehört, reagiert damit auf steigende Anforderungen an emissionsfreie Baustellen. Städte wie München, Stuttgart oder Hamburg schreiben bei innerstädtischen Projekten zunehmend emissionsfreie Technik vor.

Die Elektrifizierung umfasst mehrere Maschinenklassen. Sowohl Backenbrecher als auch Prallbrecher und Siebanlagen werden mit elektrischem Antrieb angeboten. Die Technik basiert auf bewährten Diesel-Pendants, getauscht wurden Motor und Energieversorgung. Hydraulik, Brechwerk und Förderbänder bleiben technisch identisch. Das reduziert Schulungsaufwand und Ersatzteillogistik.

Leistung und Durchsatz: Wo steht die E-Technik?

Die Frage nach dem Durchsatz ist entscheidend. Ein dieselbetriebener Backenbrecher schafft je nach Modell zwischen 150 und 400 Tonnen pro Stunde. Kleemann gibt für die elektrischen Varianten identische Werte an. Das Brechwerk arbeitet mit gleicher Drehzahl, die Hydraulik liefert den gleichen Druck. Die Leistung bleibt also konstant, wenn Netzstrom zur Verfügung steht.

Der Batteriebetrieb ist anders zu bewerten. Ohne Kabelanschluss sinkt die Einsatzzeit auf drei bis fünf Stunden, abhängig von Material und Belastung. Für kurze Einsätze auf Abbruchbaustellen oder im Recyclinghof reicht das. Wer aber acht Stunden durchbrechen will, braucht entweder Netzanschluss oder eine mobile Batteriestation. Kleemann bietet externe Akkupacks an, die Laufzeit lässt sich damit verdoppeln. Die Ladezeit beträgt bei Schnellladung rund zwei Stunden.

Betriebskosten im Vergleich

Ein Diesel-Backenbrecher verbraucht im Dauerbetrieb etwa 20 bis 30 Liter pro Stunde. Bei einem Dieselpreis von 1,50 Euro ergibt das 30 bis 45 Euro Treibstoffkosten pro Stunde. Dazu kommen Ölwechsel, Filterwartung und der Austausch von Verschleißteilen wie Turbolader oder Abgasanlage. Über die Lebensdauer von 10.000 Betriebsstunden summiert sich das auf 400.000 bis 500.000 Euro allein für Kraftstoff.

Die Elektrovariante kostet je nach Stromtarif 15 bis 25 Euro pro Betriebsstunde. Wartungskosten fallen deutlich geringer aus. Kein Motoröl, kein Dieselpartikelfilter, keine Abgasnachbehandlung. Kleemann kalkuliert mit 30 bis 40 Prozent niedrigeren Betriebskosten über die gesamte Lebensdauer. Die höheren Anschaffungskosten amortisieren sich nach etwa 3.000 bis 4.000 Betriebsstunden. Für Betreiber mit hoher Auslastung ist das in zwei bis drei Jahren erreicht.

Praxiseinsatz: Wo funktioniert der E-Antrieb?

Die vollelektrischen Anlagen eignen sich besonders für stationäre oder semi-mobile Einsätze. Ein Recyclinghof, der täglich Bauschutt aufbereitet, profitiert von der konstanten Stromversorgung und den niedrigen Betriebskosten. Auch auf urbanen Baustellen, wo Lärmschutz und Emissionsfreiheit gefordert sind, spielen die Maschinen ihre Stärken aus. Ein elektrischer Brecher erreicht nur 75 bis 80 Dezibel, ein Dieselmodell liegt bei 95 bis 100 Dezibel.

Schwieriger wird es bei mobilen Großprojekten. Autobahnbau oder Tagebau setzen auf hohe Mobilität und lange Einsatzzeiten ohne externe Infrastruktur. Hier bleibt der Diesel vorerst Standard. Kleemann sieht die E-Modelle daher nicht als Ersatz, sondern als Ergänzung. Betreiber mit gemischtem Portfolio kaufen beide Varianten und setzen sie je nach Projekt ein.

Netzanbindung und Ladeinfrastruktur

Die größte Hürde ist oft der Stromanschluss. Eine mobile Brechanlage braucht eine Anschlussleistung von 150 bis 250 Kilowatt. Das entspricht etwa 40 bis 60 Einfamilienhäusern. Nicht jede Baustelle hat einen solchen Anschluss verfügbar. Kleemann bietet mobile Transformatoren an, die ans Mittelspannungsnetz angeschlossen werden. Alternativ lassen sich Dieselgeneratoren nutzen, was die Emissionsfreiheit allerdings konterkariert.

Für Recyclinghöfe und Betonwerke ist die Situation einfacher. Hier existiert meist bereits ein Starkstromanschluss. Die Integration der E-Brecher läuft dann ohne zusätzliche Investition. Kleemann hat nach eigenen Angaben bereits mehrere Anlagen in Deutschland, Österreich und der Schweiz ausgeliefert. Die Kunden berichten von stabilen Durchsätzen und deutlich geringeren Wartungsintervallen.

Konkurrenz und Marktposition

Kleemann ist nicht der einzige Anbieter. Rubble Master aus Österreich bietet mit dem RM V550e ebenfalls einen vollelektrischen Backenbrecher an. Der RM V550e wird seit 2023 in Serie produziert und hat sich vor allem im urbanen Recycling etabliert. Auch Sandvik und Metso arbeiten an elektrischen Varianten ihrer mobilen Brecher.

Kleemann punktet mit der Zugehörigkeit zur Wirtgen Group. Das bedeutet Zugang zu einem breiten Händlernetz und schnelle Ersatzteilversorgung. Die Wirtgen Group gehört zu Caterpillar, was zusätzliche Synergien bei Antriebstechnik und Steuerungssoftware ermöglicht. Caterpillar selbst elektrifiziert aktuell vor allem die Bagger- und Radlader-Palette, bei Brech- und Siebtechnik setzt der Konzern auf Kleemann.

Preise und Verfügbarkeit

Konkrete Preise nennt Kleemann nicht öffentlich. Branchenkenner schätzen den Aufpreis gegenüber Dieselmodellen auf 20 bis 30 Prozent. Ein mobiler Backenbrecher der Mittelklasse kostet als Dieselversion etwa 300.000 bis 400.000 Euro. Die Elektrovariante liegt demnach bei 360.000 bis 520.000 Euro. Die Lieferzeiten betragen aktuell acht bis zwölf Monate, ähnlich wie bei konventionellen Modellen. Engpässe gibt es vor allem bei Batteriezellen und Leistungselektronik.

Ausblick: Wo geht die Entwicklung hin?

Die Elektrifizierung von Brech- und Siebanlagen steht noch am Anfang. Die Technik funktioniert, die Betriebskosten stimmen, aber die Infrastruktur fehlt oft. Kleemann setzt auf eine schrittweise Einführung. Erst urbane Projekte und stationäre Anwendungen, später möglicherweise auch größere mobile Einsätze mit Batterie- oder Wasserstofftechnik.

Für Betreiber bedeutet das: Wer heute investiert, sollte genau rechnen. Bei hoher Auslastung und vorhandenem Stromanschluss amortisiert sich die E-Technik schnell. Wer dagegen auf wechselnden Baustellen ohne Netzanbindung arbeitet, fährt mit Diesel vorerst günstiger. Die kommenden Jahre werden zeigen, wie schnell sich die Ladeinfrastruktur entwickelt und ob die Batterietechnik weitere Fortschritte macht.

Weitere Informationen zur Elektrifizierung mobiler Aufbereitungstechnik finden Sie in unserem Artikel über Rubble Master und die steigende Nachfrage nach Brechern. Details zur allgemeinen Elektrifizierung der Baustelle haben wir in unserem Themenportal zusammengestellt. Mehr zu Kleemann und den technischen Spezifikationen finden Sie auf der Website des Herstellers.